Vergesst die Menschen nicht

Vieles ist gerade im Umbruch … so oder ähnlich fangen viele Texte an, die die gegenwärtige Zeit beschreiben. Nur geht es mir nicht um die 6 Megatrends der Digitalisierung o. ä., sondern um die Menschen und Ihre Bedürfnisse und Ängste, die damit umzugehen haben. Viele Mitarbeiter schauen mit Recht erwartungsvoll auf ihre Führungskräfte und erwarten Orientierung und Halt. Sie möchten die Gewissheit haben, dass sich ihre Organisation auf die veränderten Umstände ausrichtet und die Chancen nutzt, die die neuen Technologien und Plattformen bieten. Aber sie möchten auch in Zukunft eine ganz persönliche Rolle spielen und „Part of the Team“ bleiben!

Viele haben einfach Angst. Es fängt mit Fragen an wie: Was wird sich für mich verändern? Bin ich und mein Aufgabenbereich noch up to date? Finde ich meinen Platz in der Zukunft? Habe ich noch eine Bedeutung? Viele möchten mehr Transparenz, mehr Zukunftssicherheit, mehr Einblick in die Unternehmensstrategie. Dazu müssen die Unternehmenslenker natürlich erst einmal selbst wissen, wohin die Reise gehen soll. Was nicht immer einfach ist. Denn es verändert sich sehr viel in einer ungewöhnlich krassen Komplexität und atemberaubenden Geschwindigkeit. Vielleicht muss hier noch intensiver miteinander gesprochen werden. Wechselseitige Erwartungshaltungen zu formulieren ohne Kooperationsansätze zu zeigen, helfen da nicht wirklich weiter.

Vielleicht geben folgende, schon auch provokante Gedanken, gerichtet an Führungskräfte, einige neue Perspektiven:

1.    Machen Sie sich intensiv Gedanken um Ihre Unternehmensstrategie. Langfristige Ziele brauchen und fordern intensive Reflexion und Auseinandersetzung. Strategisches, langfristiges Denken ist nach meiner Beobachtung dünn gesät auf dem Acker der Verantwortlichkeit. Aber nur das ermöglicht nachhaltiges Wirtschaften. Eine unspezifische, hektische „Nichts-bleibt-beim-Alten-Show“ reicht nicht aus, um Menschen zu mobilisieren und zu ermutigen. Sie brauchen eine klare, attraktive Vision, eine machbare Mission und einen verlässlichen, vertrauenswürdigen Handlungsrahmen, der die angestrebte Unternehmenskultur hinreichend definiert.

2.    Geben Sie Ihren Mitarbeitenden Stabilität und Sicherheit. Das geht nur durch regelmäßiges Informieren und persönliche Gespräche. Sie treffen auf Vorbehalte, Meinungsverschiedenheiten und verständliches Zögern. Wenn Sie einen guten Plan haben, kämpfen Sie mit Ihrer ganzen Persönlichkeit, mit Kraft, mit Begeisterung und Überzeugungskraft dafür. Führungskräfte, die sich nie blicken lassen und keinen geraden Satz heraus bekommen oder nur ihren Selbstwert erhöhen möchten, tun sich schwer in Zeiten, in denen Kaskadieren und reines Führen aus der höheren Position heraus nicht mehr ausreichen. 

3.    Führung heißt mehr wertschätzende Kommunikation und weniger Exceltabellenterror. Ständiges Fordern von quantitativen Zielen schwächt die Mitarbeiter. Ihre Mitarbeitenden sind in der Regel keine Idioten, also behandeln Sie sie auch bitte nicht so. Seien Sie ein Vorbild. Zeigen Sie Wege und Möglichkeiten. Mehr fördern und weniger fordern, lautet die Devise. Erschöpfte haben wir schon genug in unseren Unternehmen (siehe FINK DIFFERENT Soirée am 25. Oktober 2018 in Stuttgart).

4.    Es geht also nicht nur um Digitalisierung, Plattformen und Kennzahlen. Es geht vor allem um die Zukunft des Unternehmens, in dem Sie arbeiten. Als Führungskraft führen Sie Menschen und machen deren Wertschöpfungsbeitrag möglich und ihre Identifikation und sinnstiftende Tätigkeit in der Organisation. Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeitenden, vor allem auch den langjährigen, loyalen und konstruktiven ist nicht altmodisch, sondern angebrachter denn je.

5.    Führen Sie nicht nur mit schicken PowerPoint-Folien. Das ist zu wenig. Viele Themen brauchen Ausführlichkeit, Dialog und Disput. Nur so binden Sie die Menschen an das Unternehmen. Und bei dem gegenwärtigen Fachkräftemangel ist Unternehmensbindung mehr als angesagt. Also nehmen Sie sich die Zeit und machen Sie Ihren Job als Führungskraft: Suchen und fördern Sie Talente und sorgen Sie dafür, dass Ihre Leute ihre Arbeit optimal erledigen können und alle eine gute Führungskraft werden können. Wer andere klein hält, ist selbst ein armes Würstchen.

6.    Sorgen Sie als Top-Manager oder Geschäftsführer dafür, dass Ihre Führungskräfte auch Führungskräfte werden und nicht nur gute Fachleute mit höherem Gehalt bleiben. Dazu gehören individuelle Qualifikationsprogramme (Führungskommunikation, wertorientierte Führungsprinzipien, Führungskräftecoaching, Stärken-Schwächen-Profile, individuelle Förderprogramme, Feedbackregeln etc.) und ein Führungsregelwerk, an das sich alle zu halten haben. Gestatten Sie mir ein offenes Wort: Einzelne „Bereichsfürsten“, die ihr Ding abziehen, weil sie (scheinbar) unentbehrlich sind, dürfen unter keinen Umständen geduldet werden, auch wenn deren heilsamer Rauswurf viel Geld kosten sollte. Eine von Egomanen befreite, leistungsfördernde, kreative und kooperative Unternehmenskultur macht notwendige Abfindungen mehr als wieder wett.

Zugleich möchte ich hier auch mal meine Bedenken zur gegenwärtigen Situation äußern. Selbsternannte Jungführungskräfte mit beeindruckendem Denglisch-Wortschatz, die man als Mainstream-Lemminge zuhauf in der New Economy findet, sorgen sich vor allem um ihren eigenen Marktwert statt um den Wert des Unternehmens. Es wird sehr schnell sehr viel Geld gesammelt, aber keine Arbeitsplätze und keine anhaltenden Unternehmenswerte geschaffen. Das ist natürlich kein Geheimnis. Im Gegenteil. Ganze Märkte werden dividendengierig und beifallsklatschend für das Wohl einiger weniger „Owner“ vernichtet. Meine Begeisterung für disruptive Selbstzerstörer und als Speaker getarnte egozentrische Selbstbeweihräucherer hält sich in Grenzen. Es ist eine höchst gefährliche Absahnermentalität, die kurzsichtigerweise viele Fans, der Reflexion offensichtlich nicht mächtig, findet. Warum stehen so viele Entscheider und Wirtschaftstreibende schweigend am Rande und bewundern den Heilsgüterzug namens Silicon Valley/Silicon Wadi etc. an ihnen vorbei rauschen, wohlwissend, dass nicht nur Gutes transportiert wird?

Mein Fazit: Wenn wir die Menschen vernachlässigen und nur noch das Primat des kurzfristigen Profits um jeden Preis hochhalten, findet eine immer krassere Umverteilung statt, die den Kapitalismuskritikern mehr als Recht gibt. Angetrieben wird das am Ende von nichts anderem als von Gier, mitnichten von Verantwortung oder Langsichtigkeit oder einer sich lohnenden CSR-Strategie. Wer sich ein wenig Gedanken darüber macht und an seine Kinder und nachfolgende Generationen denkt, kann und darf der New Economy nicht vorbehaltlos positiv Tribut zollen. Let's fink about it.

FINK DIFFERENT