Sammler oder Jäger?

Ich weiß nicht mehr, wann oder wo ich diese kurze Frage aufgeschnappt habe. Aber sie ist ganz hilfreich und sehr einfach zur Beurteilung der Kommunikationsqualität in Gesprächen, z. B. in Sitzungen oder beim kurzen Treffen auf dem Gang, in der Kantine o. ä. Sammler und Jäger stellen eine Analogie dar und repräsentieren Typ 1 bzw. Typ 2. Typ 1 hört gut zu, überlegt, verinnerlicht und kommt dann erst mit einer Antwort oder einer Verständnisfrage oder einer Rückfrage. Er sammelt viele Informationsbrocken in sein Körbchen, fragt zurück, wenn er unsicher ist und macht sich in aller Ruhe ein Bild des Informationssachverhaltes. Typ 1 ist ruhig, sympathisch, sozial, gewaltfrei und wertschätzend. Es ist ein großes Vergnügen, solche Menschen als Gegenüber betrachten zu dürfen. Das Gespräch hat mich reicher gemacht.

Der Jäger hingegen steht für Typ 2. Er sieht in einem Gespräch meist eine Art „Fight“. Er jagt gerne nach guten Gelegenheiten, um das Wort schnell an sich reißen zu können. Er springt in jede Atempause des Gegenübers, um recht keck die kommunikative Munition geballt los werden zu können und dem Gegenüber verbal, nonverbal und auch paraverbal zu signalisieren: Ich treffe richtig gut! Jedes Wort bei mir sitzt. Und ich schieße noch eine ganze Weile, also immer schön still bleiben … 

Wenn ich derlei Typ 2-Gespräche höre und beobachte, machen sie mir immer ein schlechtes Gefühl. Es geht dabei meist hektisch und angespannt zu, es ist ein Schlagabtausch und weniger ein Informationsaustausch. Das Leeren eines Mülleimers kommt dem Prinzip solcher Gespräche schon sehr nahe und passt noch auf die harmloseren Logorrhö-Situationen (krankhafte Geschwätzigkeit bzw. Sprechdurchfall). Schon blöd wenn man auf der falschen Seite steht und der Mülleimer ist. Solche Gespräche sind wertmindernd, entbehren jeder Augenhöhe und machen keinerlei Freude. Drum beende ich sie. Höflich und schnell.

Nun könnte man drei Szenarien unterscheiden. Szenario 1: Jäger spricht mit Jäger. Nun, das ist Treibjagd für alle, ein Duell der Eitelkeiten, ein Balzgesang-Contest berechnender Alphatiere. Wer ist der Größte? Wer kann am längsten? Und wer gibt zuerst den finalen Schuss ab? Szenario 2: Jäger trifft auf Sammler. Eine eigenartige Unwucht wird bemerkbar, die Balance bezüglich Redezeit und Möglichkeiten des Atmens stimmt nicht mehr. Der Sammler fühlt sich gehetzt und verfolgt und wägt sich auf der Flucht. Szenario 3: Sammler trifft Sammler. Eine Atmosphäre des friedlichen Austausches, ein Stück kommunikativen Paradieses wird spürbar. Was für ein Genuss. Wie Küssen ohne Berührung. Alles stimmt, aktives Zuhören, aktives Antworten (schon davon gehört?), gewaltfreie Kommunikation, Interaktion, Reflexion, der Augenkontakt, die schweigenden Momente, ja sogar eine gemeinsame Synthese ist möglich, weil genügend Raum und Zeit für These und Antithese vorhanden ist. Früher traf man sich extra für solche Gespräche. Mit Zeit, mit Raum, mit Stille, mit einer kubanischen Cohiba und einem Single Malt – und ganz ohne Smartphone. Was machen WhatsApp und Konsorten nur aus uns für Gesprächskümmerlinge? 

Aber das möchte ich haben: Sammlergespräche. Die müssen gar nicht lange sein. Sie sparen sogar Zeit. Weil sie intensiv und ruhig gestaltet sind. Voller Wertschätzung und mit der Möglichkeit, einen Gedanken intensiv zu durchdenken und sogar bis zu Ende zu formulieren.

Warum gibt es diese Gespräche so selten? Was treibt uns zur Jägerzunft in der Kommunikation? Hier eine der möglichen Antworten in Form eines klugen Zitats, das man sehr schön auf Kommunikation übertragen kann: „Nur der Schwache wappnet sich mit Härte. Wahre Stärke kann sich Toleranz, Verständnis und Güte leisten.“ (Tilly Boesche-Zacharowski).

 Let’s fink about it.

FINK DIFFERENT